Geh erstmal faulenzen!
Kampagne gegen deutsche Arbeit.

Call it: capitalism [1]

Die heutige Gesellschaft stellt sich, um mit Marx zu sprechen, als eine „ungeheure Warensammlung“ dar. Wenn wir die heutige Gesellschaft näher betrachten wollen, müssen wir uns also näher mit der Ware beschäftigen.
Marx geht von einem Doppelcharakter der Ware aus, da sie zwei grundsätzliche Eigenschaften hat: Gebrauchswert und Wert. Während der Gebrauchswert die „natürlichen“ Eigenschaften der Ware beschreibt (mit einem Stift kann mensch schreiben, eine Hose tragen, mit einem Dildo ficken…), drückt der Wert ein gesellschaftliches Verhältnis aus. Der Wert bestimmt sich aus der in ihm enthaltenen Arbeit. Arbeit bezieht sich hierbei auf die durchschnittlich notwendige gesellschaftliche Arbeitszeit, die für die Herstellung einer Ware benötigt wird.1 Wertschaffung geschieht also in der Produktion. Um sichtbar zu werden braucht der Wert allerdings das Austauschverhältnis, welches ihn in ein gesellschaftliches Verhältnis rückt. Als Grundformel des Tausches gilt bei Marx die Gleichung x Ware a = y Ware b. Hierbei werden ganz offensichtlich zwei (vom Gebrauchswert her völlig verschiedene) Dinge vergleichbar gemacht. Das ist nur möglich durch den Wert, der sich über das rein quantitative Moment der Arbeit definiert.
Diese Grundlagen der kapitalistischen Gesellschaft, so einfach sie an und für sich sind, erscheinen den Menschen nicht als solche. Vielmehr scheint der Wert eine natürliche Eigenschaft der Ware zu sein und keine durch ein gesellschaftliches Verhältnis erzeugte. Das führt dazu, dass die Menschen sich der Logik des Werts unterordnen, denn gegen etwas Natürliches (ganz im Gegensatz zu einem gesellschaftlichen Verhältnis) kann man schlecht revoltieren. Erst durch die umfassende Anerkennung eines auf dem Wert basierenden sozialen Systems wird der Wert tatsächlich real und kann somit als „Realabstraktion“ bezeichnet werden. Diesen Verblendungszusammenhang benennt Marx mit „Fetischcharakter der Ware“.2
Doch es bleibt nicht nur beim Warenfetisch: Auch das Geld wird fetischisiert wahrgenommen. Geld dient im Kapitalismus als allgemeines Äquivalent, also als eine Ware, die den Wert aller anderen in sich ausdrückt und somit als universales Tauschmittel fungiert. Sie ist Verstofflichung des Abstrakten, Träger der realen Abstraktion. Dabei verdeckt sie die ursprüngliche Abstraktion vor den tauschenden Individuen, mystifiziert sie. Der Tauschprozess läuft also dergestalt ab, dass ich zunächst eine Ware habe, die gegen Geld getauscht wird. Von diesem Geld kann ich nun erneut eine Ware kaufen (W-G-W). Doch dieser Prozess lässt sich auch anders ausdrücken, nämlich so, dass ich zunächst Geld habe, von dem ich eine Ware kaufe und diese wieder für Geld veräußere (G-W-G). Was zunächst banal klingt, ist ein Unterschied ums Ganze: in dieser veränderten, weiter mystifizierten Form ist das Geld der Ausgangspunkt des Tausches, es geht darum am Ende mehr Geld als am Anfang zu haben. Die Wertsumme, die diese Bewegung vollzieht, nennen wir Kapital, den sich selbst verwertenden Wert. Während der Tausch W-G-W immer noch auf die Aneignung von Gebrauchswert abzielte geht es jetzt nur noch um die Erzielung von Mehrwert.
Die vorerst letzte Stufe erreicht der Fetisch in der Form des zinstragenden Kapitals. Bei oberflächlicher Betrachtung des Zinses, könnte mensch denken, dass hier Geld mehr Geld produzierte. Das ist natürlich Unsinn: Zins ist ein Teil des Mehrwerts, der durch fremde Arbeit erzeugt wurde und somit keineswegs so mysteriös wie er uns erscheint.

Reproduction my ass!

Der Produktionsprozess ist unmöglich denkbar ohne Reproduktionsprozess. Die im Arbeitsprozess verbrauchte Arbeitskraft reproduziert sich in der häuslichen Sphäre. Dabei gilt bekanntermaßen eine klare Aufteilung anhand von Geschlechtergrenzen. Während dem Mann die öffentliche, repräsentative Sphäre zugeordnet wird und er als Patriarch „das Essen nach Haus bringt“ , hat die Frau sich, dieser Logik nach, um Haus und Herd (inkl. Kinder) zu kümmern. Die Trennung zwischen reproduktiver und produktiver Arbeit entlang der Geschlechtergrenzen schreibt das uralte patriarchale Verhältnis im Kapitalismus fort. Dieses Verhältnis speist sich aus einer Ontologisierung des Geschlechts. In dieser werden Frauen und Männern bestimmte Wesensmerkmale als „natürlich“ zugeschrieben. So seien Frauen sensibel, naturverbunden, emotional und der Mann angeblich aggressiver und rationaler. Von klein auf wird der soziale Unterschied von Frauen und Männern an quasi-natürliche Merkmale geknüpft, statt solche Unterschiede als von Menschen gemachte Konstrukte zu entlarven und Geschlecht als Kategorie zu dekonstruieren und zu diskreditieren. Dies resultiert in der Reaktion des Patriarchats auf die Errungenschaften der Aufklärung und der französischen Revolution, in deren Rahmen Pionierinnen des Feminismus wie Olympe de Gouges die Ausweitung der „Droites de l‘homme“1 auch auf Frauen forderten – anscheinend eine untragbare Gefahr für die Existenz der bürgerlichen Ordnung, vor allem Ehe und Familie.
Zu diesem Thema postulierte der auch für seine Aussagen im Bezug auf Jüdinnen und Juden populäre Philosoph Johann Gottlieb Fichte die Ehe als „vollkommene Vereinigung zweier Menschen“, in welcher der Mann die rationale – beim Zeugungsakt aktive – Rolle einnimmt, die passive Frau hingegen sich aus Liebe vollkommen dem Mann hingibt und konsequenter Weise auch ihre sämtlichen Rechte und ihr komplettes Vermögen an ihn abtritt.
Auch wird Ende des 19. Jahrhunderts im Rahmen der Kämpfe des „First Wave-Feminism“ um Hochschulbildung für Frauen mit dem Konstrukt von Geschlechtscharakteren argumentiert: Die Frau sei aufgrund ihrer moralischen Schwäche und Weichheit gar nicht in der Lage, aktiv am öffentlichen Leben zu partizipieren oder sich Bildung anzueignen, zudem würde sie dadurch das Wohlergehen ihrer Familie, die zu Versorgen ihr höchstes Ziel ist, in außerordentlichem Maße gefährden; eine Vorstellung, die durch das in der romantischen Epoche vertretene Frauenbild, welches das Erreichen emotionaler und geistiger Vollkommenheit nur in erfüllter Liebe als möglich erachtet, verstärkt wird. So wurden Mädchen vor allem von ihren Müttern oder Gouvernanten an ihre spätere Rolle als Mutter und Unterhalterin des Ehegatten herangeführt, was im Bild der ihnen zugeschriebenen Emotionalität verbleibt.
Das Geschlechterverhältnis wurde und wird jedoch nicht als antagonistisch2, sondern als komplementär3 dargestellt: nur durch die Rückzugmöglichkeit aus der kalten, auf Konkurrenz basierenden Arbeitswelt in das mütterliche Refugium am Herd ist der Mann in der Lage, diesen Kampf täglich aufs neue aufzunehmen – ein Verhältnis, welches als „natürlich“ und „gottgegeben“ wahrgenommen wird. So seien auch Frauen, welche sich über diese naturgegebene Ordnung hinwegsetzen und zum Beispiel Fabrikarbeit betrieben, „aufgeklärt, […] herzenskalt, bewusst. Nichts ist ihrer ursprünglichen Natur fremdartiger, ja schadhafter“ (Tönnies 1988: 172) Oft wird konstatiert, durch die Berufstätigkeit vieler Frauen, wären alte feministische Kämpfe obsolet geworden. Doch die zunehmende Tätigkeit von Frauen in der Produktionssphäre führt in nur ungleich kleinerem Maß zur Tätigkeit von Männern in der Reproduktionssphäre. Und nach wie vor schlägt sich das Bild von der angeblich emotionalen aber irrationalen, sensiblen Frau in sämtlichen Lebensbereichen (auch in der Arbeitswelt) nieder. So werden Frauen im Schnitt immer noch schlechter entlohnt als Männer und bekleiden wesentlich seltener Führungspositionen, als die vermeintlich konkurrenzfähigeren Männer. Reproduziert wird dies selbst heute noch in Machwerken wie „Warum Männer nicht zuhören und Frauen nicht einparken können“, (welche sich für auch wirklich jeden noch so lächerlichen Geschlechtsstereotyp nicht zu Schade sind, eine biologistische Erklärung an den Haaren herbei zu ziehen) oder auch in der nach wie vor hegemonialen traditionellen Mutterrolle und der ihr immanenten Vorstellung, ein Kind wäre ohne „Mutterliebe“ nicht zur Entwicklung von Gefühlsbindungen in der Lage.
Die Abschaffung der patriarchalen Verhältnisse weist über den Kapitalismus hinaus. Die verbreitete Vorstellung, nach dem revolutionären Prozess hätte sich auch geschlechtsspezifische Unterdrückung erledigt, ist zweifellos falsch.

Von ideellen Gesamtkapitalist_innen und anderem Schmodder

Wie passt nun der Staat ins Bild? Der Staat hat im Kapitalismus die Aufgabe, das Eigentum zu sichern und die kapitalistische Art und Weise des Wirtschaftens zu sichern. Dabei befindet er sich in Konkurrenz mit anderen Staaten. Nicht einzelne Eigentümer_innen stehen im Mittelpunkt, sondern die Aufrechterhaltung kapitalistischer Prinzipien und das Interesse, dass im eigenen Territorium mehr Mehrwert abgeschöpft werden kann. Deshalb wird er auch als ideeller Gesamtkapitalist bezeichnet.
Er sorgt sich um den Zustand der Menschen (aber nur damit sie zur Verwertung überhaupt nutzbar sind), um den Zustand der Produktionsmittel (etwa durch staatliche Bildung oder die Förderung von Forschung), etc. etc.
Das alles gereicht denen, die keine Produktionsmittel besitzen natürlich nur mittelbar zum Wohl, etwa durch attraktive Reproduktionsangebote, die einen so richtig fit für den anstrengenden Arbeitstag machen. Aber da ja, wie bereits im letzten Abschnitt ausgeführt wurde, die Reproduktionssphäre auch von Herrschaft durchsetzt ist, kommt auch dabei ziemlich viel Scheiße raus. Etwa der besondere Schutz der Ehe und der Mutterschaft im Grundgesetz, die die Sicherung der Reproduktion in patriarchaler Logik verteilen.
Aber, so ließe sich fragen, warum rebellieren die Menschen dann nicht und hauen alles kaputt? Der Staat erscheint den Menschen nicht als das, was er ist – Durchsetzungsinstanz der Kapitalinteressen – sondern als Schutz vor dem Prinzip des Profits, der etwa – ganz menschenfreundlich – ein Sozialsystem organisiert. Dieses erhält er angeblich nicht deshalb aufrecht, weil es notwendig ist, um die Leute zum Arbeiten zu bekommen, sondern aus purer Menschenliebe. Der Staat wird als zweckfrei wahrgenommen und deshalb wird nicht der zurichtende Charakter dieses sozialen Leistungen wahrgenommen.

Du bist nichts. Dein Volk ist alles.

Darüber hinaus hat Arbeit in Deutschland eine ganz spezielle Vergangenheit. Mit Luther und seiner „Reformation“ etablierte sich ein Begriff von Arbeit, der die Arbeit als Selbstzweck setzt. Statt Mittel zum Zweck verwandelte sich Arbeit zur religiös aufgeladenen Tätigkeit. Die Arbeit wurde zum zentralen Lebenssinn, Identitätsstifter und vor allem zum Dienst an der Gemeinschaft. Die Gemeinschaft, nicht das Individuum, steht im deutschen Denken im Mittelpunkt. Diese Gemeinschaft der Tüchtigen benötigt ein Äußeres um sich zu konstituieren, welches, wie später weiter ausgeführt wird, in der „jüdischen Gegenrasse“ konstruiert wurde.
Dieser neue Begriff von Arbeit musste erst durchgesetzt werden. So wurden im Rahmen der Reformation auch Arbeitszwangsmaßnahmen eingeführt, welche zur „Verfleißigung“ der Bevölkerung dienten und beispielsweise mittels Fußketten das deutsche Volk zum Arbeiten anspornen sollte. Diese Ideologie des „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“ (eine Parole, die sich im Nationalsozialismus großer Beliebtheit erfreute) ist prägend für nahezu alle politischen Kräfte in Deutschland – von CDU bis Linkspartei. Immer wieder wird das zum Beispiel an Arbeitskämpfen der etablierten Gewerkschaften des DGB deutlich. Statt klar Interessengegensätze zwischen Lohnabhängigen und Kapitalverwalter_innen aufzuzeigen, argumentieren die Gewerkschaften mit dem kollektiven Interesse des Betriebs /Staats und vermitteln lieber zwischen den Fraktionen, statt für die Rechte ihrer Klientel zu kämpfen. Gefordert wird regelmäßig nicht möglichst viel Wohlstand für die Beschäftigten, sondern eine „faire Entlohnung“. Der Appell an den ideellen Gesamtkapitalisten doch für Ordnung und Fairness zu sorgen ist typisch für das deutsche Kollektiv.
Dabei zeigt sich immer wieder die omnipräsente Wahnvorstellung des „kleinen Mannes“, übers Ohr gehauen und übervorteilt zu werden. Verantwortlich gemacht werden dafür die, die auch ohne Arbeit zu einem halbwegs guten Leben kommen, sei es weil sie schlicht Glück hatten und reich sind oder weil sie sich dem allgemeinen Arbeitszwang verweigern und lieber Sozialhilfe kassieren, ohne tatsächlich arbeitsunfähig zu sein oder keine Arbeit zu finden. Gegen sie soll der Staat in Anschlag gebracht werden: Mit immer weiteren Kürzungen der Sozialleistungen und penetranter Repression der Sachbearbeiter_innen der ARGE gegen Sozialhilfeempfänger_innen auf der einen und der Forderung nach einer Vermögenssteuer auf der anderen.
Dieser deutsche Arbeitswahn ist ein Kernelement der antisemitischen Projektion und somit zentrales Element der nie gebrochenen Kontinuität der nationalsozialistischen Ideologie in der BRD; er zieht sich wie ein roter Faden durch die deutsche Geschichte.
Seinen Ursprung findet die antisemitische Kapitalismuskritik im 15. Jahrhundert bei Luther, welcher schon Arbeitsmaßnahmen für Jüdinnen und Juden forderte, jedoch an deren Wirksamkeit aufgrund der angeblichen jüdischen Unfähigkeit zur körperlichen Betätigung zweifelte.
Jüd_innen wurden aufgrund der Tatsache, in den Berufszweig des Geldhandels genötigt worden zu sein, mit der abstrakten, unverstandenen und demzufolge skeptisch beäugten Seite der Kapitalproduktion (s. Abschnitt „Call it Capitalism“) identifiziert, welche der konkreten Handarbeit für Volk und Vaterland gegenüber gestellt wurde, was sich immer wieder in antisemitischen Pogromen äußerte.
So auch zum Beispiel der Frankfurter Fettmilch-Aufstand 1617, welche als Revolte gegen die Stadtregierung begann und in einem antisemitischen Pogrom endete, bei dem ein entfesselter Mob plündernd und randalierend durch das jüdische Ghetto zog, oder auch die Hep-Hep-Unruhen des frühen 19. Jahrhunderts als Reaktion auf die beginnende jüdische Emanzipationsbewegung.
Die Luthersche Trennung zwischen ehrlicher, deutscher Arbeit und jüdischer raffender Arbeit ist Grundlage für den nationalsozialistischen Antisemitismus. So sagte Hitler bereits 1920 bei einer Rede in München: „Wir wissen, dass diese Arbeit einst bestand im Ausplündern wandernder Karawanen und dass sie heute besteht im planmäßigen Ausplündern verschuldeter Bauern, Industrieller, Bürger usw. Und dass sich die Form wohl geändert hat, dass aber das Prinzip das gleiche ist. Wir nennen das nicht Arbeit, sondern Raub.“ (Hitler 1996)
Der Wahnsinn gipfelte in dem industriell organisierten Massenmord zahlloser Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus in den Gaskammern und Krematorien der Konzentrationslager, welcher durch das Motto „Arbeit macht frei“ über den Toren von Auschwitz noch einmal untermauert wird: die Vernichtung der mit der abstrakten Kapitalvermehrung identifizierten, „faulen“ Jüdinnen und Juden durch körperliche Arbeit.
Das Bild vom mächtigen „Geldjuden“ ist nach wie vor erschreckend populär, wie schon die Beobachtung eines deutschen Pausenhofs zeigt, wo es inzwischen nicht unüblich ist, dass vermeintlich geizige Mitschüler_innen als „Juden“ beschimpft werden. Das bestätigen auch Studien, wie die Heytmeier-Studie, die für einen kurzen Wirbel in der öffentlichen Berichterstattung sorgte, dann aber wieder in der Versenkung verschwand und keinerlei politische Konsequenzen nach sich zog. In der Studie zeigte sich beispielsweise, dass über 20 % der Deutschen den Einfluss von Jüd_innen in Deutschland für zu groß erachten. Darüber hinaus stimmten fast 20 % im Rahmen der Befragung der These zu, dass Jüd_innen „an ihren Verfolgungen mitschuldig“ seien. Über 60% der Befragten findet es unerträglich mit Auschwitz auch nur tangiert zu werden, fast 70% ärgern sich, „dass den Deutschen auch heute noch Verbrechen an den Juden vorgehalten werden.“ Angesichts der oben beschriebenen Kontinuitäten in der deutschen Sozialstruktur ergibt sich eine virulente Kontinuität antisemitischen und nationalsozialistischen Gedankenguts. Dabei muss das alte Diktum Adornos bemüht werden, er betrachte das „Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher denn das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie.“ (Adorno 1971: 10)
Dass das Ressentiment sich nicht zwangsläufig an Jüdinnen und Juden austoben muss – auch wenn die antisemitischen Klischees sich hartnäckig in den Köpfen halten – zeigen die Debatten der letzten Jahre, in denen strukturell antisemitische Argumentationen auf die verschiedensten Gruppen angewandt worden sind. Hier hat sich vor allem die Linke nicht mit Ruhm bekleckert, es sei nur an die immer wiederkehrende Heuschrecken-Debatte erinnert, oder aber auch die antisemitische Karikatur auf der Titelseite der IG-Metall Zeitung, die einen hakennasigen Blutsauger mit einem Zylinder – den Stars and Stripes zieren – zeigt. Beispiele dieser Art lassen sich im öffentlichen Diskurs immer wieder festmachen. Gerade die USA sind beliebtes Hassobjekt derer, die sich freilich nie als Antisemiten bezeichnen würden, faktisch aber nur das Objekt des Ressentiments geändert haben. Die Verbindung ist in diesem Fall offensichtlich; schließlich ist es auch unter ganz offenen Antisemiten ein beliebter Code, vom Ostküstenkapitalismus zu schwadronieren (vgl. diverse Aufrufe der NPD), oder die Herrschaft einer „Israel-Lobby“ in den USA zu behaupten, wie es beispielsweise im gleichnamigen Buch von Mearsheimer und Walt geschieht. Am Kapitalismus sind in dieser Projektion einzelne schuld, er existiert nicht als gesellschaftliches Verhältnis, welches sich über Jahrhunderte herausgebildet hat, sondern als Projekt einiger Weniger, die „im Hintergrund die Fäden ziehen“ und die Menschheit unterdrücken.

Racism makes Homer go crazy

Eine weitere gesellschaftliche Problematik offenbart sich bei der Betrachtung der Arbeitsmarktpolitik. Die Illegalisierung von Migrant_innen wird zum Druckmittel gegen Arbeiterinnen und Arbeiter. Das Arbeitsverbot für illegalisierte Migrant_innen, in Kombination mit einer hohen Schwarzarbeitsquote, gerade im Niedriglohnsektor, und der schwierige Rechtsstatus der sogenannten „Illegalen“, machen sie zu einer „Reservearmee“, die als ständige Drohung für niedrig qualifizierte Arbeitnehmer_innen eingesetzt werden. Da die ständige Repression, der Migrant_innen ausgesetzt sind, sie dazu bringt sich nur sehr selten offen gegen Unterdrückung und ausbeuterische Praxen ihrer Arbeitgeber_innen zu wehren, sind sie beliebtes Mittel um heimische Arbeiter_innen unter Druck zu setzen. Frei nach dem Motto „Wenn du dich nicht damit abfindest, dann stellen wir eben einen Ausländer an!“.
Ihr Rechtsstatus, der letztlich der von rechtlosen Subjekten ist1, zwingt sie zu einem Schattendasein in der deutschen Gesellschaft, welches dazu führt, dass sie „eingesetzt und missbraucht“ werden, um „soziale Schutzbarrieren abzuräumen und eine staatliche Kriminalisierungspolitik in weiten Teilen des Alltagslebens (z.B. verdachtsunabhängige Kontrollen) zu realisieren und zu rechtfertigen.“ (Kieser 2001: 70)
Auch wenn die sozialen Kämpfe von Migrant_innen und „deutschen“ Arbeitnehmer_innen verknüpft sind, führt das nicht automatisch zu einer gegenseitigen Solidarisierung, realiter ist meistens das Gegenteil der Fall. Die sich geradezu pathologisch als ständige Opfer wähnenden Deutschen machen, statt in der kapitalistischen und rassistischen gesellschaftlichen Totalität, die sich in diesem Fall vor allem in der unmenschlichen Migrationspolitik spiegelt, das Problem bei den Migrant_innen selbst aus und schreiben ihnen die Verantwortung für den eigenen Jobverlust zu. („Die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg!“) Dass die derart Beschuldigten meist gezwungen sind, weit unter Hartz-4-Niveau zu leben, auch wenn sie arbeiten gehen (insofern sie denn dürfen) und einen Gutteil zum Bruttosozialprodukt beitragen, blendet der vom Wahn gezeichnete Charakter natürlich aus.

Individuelle Interessen wahren: Mit Deutschland und dem repressiven Kollektiv brechen.

Der deutschen Ideologie entgegentreten hieße, das Individuum gegenüber dem Wahn des nationalen Kollektivs zu stärken und verkürzter Kritik der gesellschaftlichen Probleme eine entschiedene Absage zu erteilen.
Ansätze gibt es dafür zu Genüge. Zum Beispiel die existenziell bedrohte Basisgewerkschaft FAU zu unterstützen, die sich traditionell der Kumpanei zwischen Arbeit und Kapital immer entzogen hat, erweist sich gerade jetzt als besonders wichtig, weil ihr vom deutschen Staat verboten wird sich als Gewerkschaft zu bezeichnen. Anhand des Verbots, sich jenseits des DGB gewerkschaftlich zu organisieren, zeigt sich, als wie bedrohlich ein Bruch mit der volksgemeinschaftlichen Ideologie in Deutschland wahrgenommen wird.
Auch der antirassistische Kampf ist mit dem Kampf gegen Arbeitszwang und deutsches Unwesen verknüpft. Der Schaffung einer industriellen Reservearmee von Illegalisierten gilt es sich entschieden entgegenzustellen, ohne in das rassistische Horn von Lafontaine und Konsorten zu blasen. Das hieße als erster Schritt (von vielen) eine Legalisierung von Migrantinnen und Migranten und das Zugestehen minimaler Rechte, wie sie etwa die „Konvention zum Schutz der Rechte aller Wanderarbeitnehmer und ihrer Familienangehörigen“ der UNO vorsieht. Ein erster Schritt wäre überhaupt ein „Recht auf Recht“, also überhaupt die Möglichkeit für Illegalisierte, Rechte einzuklagen, was sich etwa in einem Abschiebestopp für die Zeit des Rechtsstreits manifestieren würde. Den Kampf gegen Rassismus als verknüpft mit sozialen Kämpfen wahrzunehmen halten wir für unabdingbar, um reale politische Veränderungen durchzusetzen und die soziale Realität zu begreifen.
All diese Kämpfe sind keine Kämpfe „ums Ganze“. Es handelt sich um soziale Kämpfe, die erst in ihrer Gesamtheit einen grundsätzlichen Systemwandel denkbar machen. Niemand der noch Recht bei Trost ist kann glauben mit diesen – in Deutschland sozialisierten – Subjekten wäre in näherer Zukunft eine emanzipatorische Revolution zu machen. Die Ausbildung eines revolutionären Bewusstseins setzt einen deutlichen Bruch mit der deutschen Ideologie voraus. Eine Revolution ohne die Zerschlagung Deutschlands kann im emanzipatorischen Sinn nur scheitern.

Deshalb:
Deutschland zerschlagen!
Arbeit abschaffen!
Müßiggang statt kollektivem Arbeitswahn!

Aufrufer_innen
sinistra! antagonistische assoziation

Wer diesen Aufruf unterstützen möchte, kann sich gerne an uns wenden. Kontaktdaten findet ihr auf der Kontakt-Seite.

Fußnoten

1 Dieser Abschnitt wurde uns freundlicherweise von den Genoss_innen von der ehemaligen Antifa KAO zur Verfügung gestellt. Er findet sich leicht abgeändert bereits im Aufruf zu ihrer „demistify“ kampagne. Fraglos muss eine derart verkürzte Wiedergabe der Marxschen Kritik fehler- und lückenhaft sein. Wir empfehlen deshalb ausdrücklich die Lektüre der Originaltexte von Marx, insbesondere das „Kapital“ Band 1 bis 3 und die Schrift „Zur Kritik der politischen Ökonomie“. Wir hielten es dennoch für notwendig eine kurze Einführung in einige Grundbegriffe vorzunehmen, speziell die Fetischkritik, die unseres Erachtens für das Verständnis von Staatskritik, als auch zur Verständnis von Antisemitismus als Ganzes elementar sind.

2 Schließlich hat eine Ware nicht mehr Wert, wenn der/die sie Produzierende langsamer arbeitet. Dann wären Bummelstreiks die beste Einnahmequelle. Vielmehr kann ein_e schnell arbeitende_r Produzent_in mehr Waren herstellen als der gesellschaftliche Durchschnitt in der selben Zeitspanne und schafft somit mehr Wert.

3 Fetisch, da in die Ware eine Eigenschaft projiziert wird, die sie an sich nicht hat.

4 Französisch für Menschenrechte.

5 Das bedeutet in etwa: einander entgegenwirkend.

6 Das wiederum bedeutet in etwa: einander ergänzend.

7 Migrantinnen und Migranten haben in Deutschland keine Möglichkeit auch nur elementare Menschenrechte durchzusetzen, da alles hinter den Rechtsstatus der illegalen Zuwanderung gestellt wird. So ist beispielsweise das Einklagen von Rechten zwar prinzipiell möglich, bedeutet aber kein Abschiebehindernis. Wer also Rechte einklagt kann während des Prozess abgeschoben werden, was die Durchführung eines Verfahrens maßlos schwieriger bis unmöglich macht.

Reading

Theodor W. Adorno: Erziehung nach Auschwitz. Frankfurt, 1971.

Albrecht Kieser: Rentabel und verfolgt. Illegale und die deutsche Debatte über Einwanderung. in: Oliver Tolmein (Hg.): Besonderes Kennzeichen: D. Wahre Deutsche, Staatsbürger zweiter Klasse und die unsichtbaren Dritten. Hamburg, 2001.

F. Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der Soziologie, Berlin 1912. Zitiert nach Karin Hausen: Die Polarisierung der „Geschlechtscharaktere“. Eine Spiegelung der Dissertation von Erwerbs-und Familienleben. In: Heidi Rosenbaum (Hrsg): Familie und Gesellschaftsstruktur. Frankfurt am Main, 1988.

Adolf Hitler: Rede in München, 13. August 1920. Zitiert nach Daniel Jonah Goldhagen: Hitlers willige Vollstrecker. Ganz normale Deutsche und der Holocaust. Berlin 1996, S. 333.